The Berlin Apartment
- Publisher: btf (bildundtonfabrik)
- Veröffentlichungsjahr: 2025
- Plattform: Windows, PlayStation, Xbox
- Altersfreigabe: USK 12
- Geeignet für: Ab Klasse 8
- Fachbezug: Deutsch, Geschichte
Eine Altbauwohnung steckt voller Geheimnisse: Wer hat früher dort einmal gelebt? Welche Dramen und Alltäglichkeiten, welche großen und kleinen Geschichten haben sich über die Jahre abgespielt? Während der Pandemie im Jahr 2020, als alle Schulen geschlossen sind, nimmt Papa Malik seine kleine Tochter Dilara mit zur Arbeit, um eine Berliner Altbauwohnung zu renovieren. Während Malik die alten Wände streicht und für neue Mieter*innen bereit macht, begibt sich die neugierige Dilara auf Erkundungstour. Hinter Tapetenresten und zerschlagenen Fliesen findet sie Fragmente aus früheren Zeiten: verlorene Briefe, versteckte Fotos, ein verstaubter Weihnachtsstern. Wem diese Dinge wohl gehört haben könnten? Dilara fragt ihren Vater – und der erzählt ihr Geschichten.
In The Berlin Apartment erleben die Spieler*innen anhand von Maliks Erzählungen vier Episoden zu historischen Zeitpunkten der bewegten Stadtgeschichte. Aus Sicht der jeweiligen Bewohner*innen bewegen sie sich durch deren Wohnung, kombinieren Objekte miteinander und erfahren etwas über deren Lebenssituation: Im Jahr 1989 schlüpfen sie in die Rolle des einsamen Kolja, dem nach der Flucht seines Mitbewohners in den Westen nicht viel geblieben ist – bis ein Papierflieger von einem Balkon hinter der Mauer in sein Fenster segelt. Im Jahr 1933 erleben sie die letzten Momente des alten Kinobesitzers Josef in dessen Wohnung mit, der noch kurz seine wichtigsten Habseligkeiten einpackt, bevor er vor den Nationalsozialisten fliehen muss. Im Jahr 1945 dekorieren sie aus Sicht der kleinen Mathilda die vom Krieg zerstörte Wohnung für ein frostiges Weihnachtsfest. Und im Jahr 1967 folgen sie der jungen Science-Fiction-Autorin Toni dabei, ihr Manuskript auch trotz sozialistischer Propaganda-Vorgaben ihres Verlegers zu verwirklichen.
Dilara packt alle Erinnerungsstücke in eine Zeitkapsel. Wer sie wohl finden und die Geschichte der Wohnung fortschreiben wird?
The Berlin Apartment eignet sich durch seinen narrativen Schwerpunkt und Fokus auf Figurenschicksale im Kontext der Berliner Stadtgeschichte des vergangenen Jahrhunderts besonders für den Literaturunterricht ab Klasse 8. Mit einer Gesamtspielzeit von mehreren Stunden bietet sich ein Einsatz als Ganzschrift an. Eine zeitsparendere Möglichkeit besteht im Spielen der ersten ein oder zwei Episoden. Denkbar ist aufgrund des historisierenden Settings zudem eine Anbindung an den Geschichtsunterricht.
Für den Literaturunterricht liegen besondere Potenziale in der einfühlsamen Erzählweise, die Spielende zur Übernahme fremder Perspektiven anregt. Im Fokus stehen persönliche Momente im Leben der Protagonist*innen – manche alltäglich, andere biographisch entscheidend. Anhand von Mono- und Dialogen können Schüler*innen insbesondere Kompetenzen im Bereich des Figurenverstehens mit Schwerpunkt auf Analyse und Reflexion üben. Für den Unterrichtseinsatz sinnvoll ist dabei eine auf einzelne Episoden konzentrierte Bearbeitung, die sich zum Beispiel über Reflexionsfragen annähert: Wie fühlt sich der alte Kinobesitzer Josef im Jahr 1933, als er sein Lebenswerk zurücklassen und seine wichtigsten Besitztümer in einen kleinen Koffer packen muss, um den Nationalsozialisten zu entkommen? Warum spricht Kolja im Jahr 1989 nur noch mit seinen Zimmerpflanzen und seinem linientreuen Goldfisch Erich? Wie muss er sich gefühlt haben, als sein Mitbewohner und alle Bekannten ihn im Osten zurückgelassen haben? Und was geht ihm durch den Kopf, als ein Papierflieger-Brief von einer jungen Frau aus dem Westen durch sein Fenster segelt – und er entscheidet, diesen zu beantworten? Handlungs- und produktionsorientierte Methoden bieten sich zur Vertiefung an. So können Schüler*innen zum Beispiel aus Koljas Perspektive weitere Briefe an die junge Frau aus West-Berlin schreiben, die nach Ende der Spielhandlung ansetzen und als Papierflieger gestaltet werden. Darin kann zum Beispiel überlegt werden: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben die beiden in ihrem Alltag erlebt? Konnten sie ihre Freundschaft trotz der Berliner Teilung fortsetzen? Wie erging es den beiden zum Zeitpunkt des Mauerfalls, der im Jahr 1989 kurz bevorstand?
Darüber hinaus bietet The Berlin Apartment auch großes Potenzial, um Kompetenzen im Bereich des Handlungsverstehens auszuprägen. Zur Identifikation der Handlungsstränge können Schüler*innen zunächst einen Zeitstrahl erstellen, der die Lebensgeschichten der Protagonist*innen in eine zeitliche Ordnung bringt – handlungsorientiert ergänzt zum Beispiel durch einen Grundriss der Wohnung, dessen Veränderungen über die Jahrzehnte festgehalten werden. Besonders auf das anachronistische Erzählen anhand von Rückblenden sowie auf die extra- und intradiegetischen Erzählebenen kann dabei eingegangen werden. Soll die zeitliche Ordnung ausführlicher betrachtet werden, lohnt auch der Blick auf die Episode zu Kinobesitzer Josef, dessen Erinnerungen an seine Karriere vom Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Enteignung durch die Nationalsozialisten in weiteren Rückblenden im Schwarzweiß-Stummfilmstil erzählt werden.
Mit Schüler*innen lässt sich an Rahmen- und Binnenerzählungen der metadiegetische Charakter des Erzählten herausarbeiten. Denn die Figuren und ihre Geschichten hat sich Malik für Dilara ausgedacht. Daran kann reflektiert werden, was Malik dazu bewegt – und ob er Dilara eventuell einen bedeutsameren Zusammenhang verdeutlichen will, der Empathie für Menschen zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten weckt: Haben die Menschen trotz gesellschaftlicher Einschränkungen nicht immer auch versucht, ihren Alltag zu bestreiten? Welche kleinen Dinge könnten für sie von Bedeutung gewesen sein? Was hat ihnen Hoffnung gegeben, um durchzuhalten? Dabei stehen besonders die kleinen Objekte im Vordergrund, die Dilara findet – wie zum Beispiel ein Weihnachtsstern aus Stroh. Dilara packt sie in eine Zeitkapsel, die sie mit Daten versieht und mit Malik zum Ende der Geschichte wieder in der Wohnung versteckt. Schüler*innen können darüber nachdenken, welche Objekte ihrer Ansicht nach ihren gegenwärtigen Alltag oder ihre Persönlichkeit charakterisieren und die sie selbst in eine Zeitkapsel legen würden. Möglicherweise lässt sie sich sogar gemeinsam als Klassenprojekt gestalten.
Darüber hinaus bieten sich auch grundlegende Bezüge zum Geschichtsunterricht an. Durch das historisierende Setting zu verschiedenen Punkten der Berliner Zeitgeschichte kann die Auseinandersetzung mit Themenbereichen wie Geschichts- und Erinnerungskultur, NS-Ideologie oder der Deutschen Teilung angeregt werden. Der Zugang über Einzelschicksale ermöglicht hierbei einen affektiven Erstzugriff, der den Schwerpunkt auf die Alltagsgestaltung von Menschen legt – und durch die Rahmenerzählung anhand der Berliner Altbauwohnung im Jahr 2020 auch Gegenwartsbezüge ermöglicht. Relevant ist hierbei, den fiktionalen Charakter des Werks zu betonen und mit tatsächlichen Biographien und weiteren Informationen über die Berliner Regional- bzw. Lokalgeschichte anzureichern. Angeschlossen werden kann zum Beispiel ein Ausblick auf das Thema Stolpersteine, die vor den früheren Wohnungen von Opfern des Nationalsozialismus in den Boden eingelassen sind.

