Closer the Distance
- Publisher: Osmotic Studios
- Veröffentlichungsjahr: 2024
- Plattform: PC, PS5, Xbox
- Link: https://closerthedistance.com/de
- Altersfreigabe: USK 12
- Geeignet für: Ab Klasse 9
- Fachbezug: Religion, Ethik, Deutsch, Englisch, Psychologie
Als eines Abends die Polizei vor der Tür steht, ist klar, dass etwas nicht stimmt. Angela ist noch nicht wieder zu Hause und die Stimmung ihrer Eltern gereizt. Angelas kleine Schwester Conny wird zunächst auf ihr Zimmer geschickt. Als die Polizei dann wieder weg ist, bittet ihre Mutter sie, den Tisch zu decken und beginnt selbst das Abendessen zu kochen, als wäre nichts vorgefallen. Ihr Vater ist sichtlich erschüttert und schwankt zwischen Schweigen und zusammenhanglosen Äußerungen. Doch was ist passiert? Soll Conny die Teller einfach fallen lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder besser den Tisch decken und warten, bis ihre Eltern von sich aus damit herausrücken? In der Rolle des Geistes der verstorbenen Angela, können die Spielenden den Hinterbliebenen Gedanken einflüstern und so das Spielgeschehen beeinflussen.
Die erste Szene, in der die Familie von Angelas tödlichem Autounfall erfährt, verdeutlicht bereits die subtile emotionale Vielschichtigkeit, die in Closer the Distance exploriert werden kann. Die Spielenden beobachten aus der Vogelperspektive, wie die Einwohner des kleinen Dorfes Yesterby mit Angelas Tod umgehen: Wer braucht gerade Zeit allein? Wer eine Beschäftigung oder Gesellschaft? Wie verändert sich der Alltag? Und eskaliert der Konflikt um die Grabgestaltung? Angela ist dabei als Erinnerung in den Köpfen und Herzen der Menschen weiterhin präsent. Siebeeinflusst durch diese geisterhafte Verbindung auf subtile Weise den Verlauf der Geschichte, bis nicht nur die Lebenden, sondern auch sie selbst bereit sind endgültig Abschied zu nehmen. Die Spielenden wählen dabei aus, welche Aspekte erinnert werden und welche Handlungen Angela ihren Liebsten zuflüstert, um ihnen bei der Trauerbewältigung zu helfen. Während man zu Beginn lediglich auf Conny Einfluss nehmen und die anderen Charaktere nur beobachten kann, lassen sich nach und nach weitere Personen darauf ein ‚Angelas Stimme in ihrem Kopf‘ zu folgen und werden so für die Spielenden steuerbar.
Das Spiel Closer the Distance erzählt keine epische Heldengeschichte, sondern gewährt Einblicke in individuelle Trauerprozesse der Figuren, während die soziale Vorgeschichte und Angelas Leben Stück für Stück rekonstruiert wird. Der Fokus liegt dennoch darauf, wie die Bewohner*innen des Dorfes ihre aktuellen Beziehungen untereinander gestalten und wie sich diese durch die Trauerprozesse verändern. Bei wem finden sie Trost? Wer übernimmt Angelas Rolle als Impulsgeberin im Freundeskreis? Wer fühlt sich vernachlässigt, weil Angelas Tod Raum und Zeit einnimmt? Die Spielenden müssen sich zudem entscheiden, wessen Geschichte sie miterleben wollen, da sie nicht alle Handlungsstränge parallel verfolgen können. Wichtige Ereignisse stehen dennoch zentral, da die Spielenden an den entscheidenden Handlungsstellen geführt werden. Um eine vielfältige Rezeption anzubieten sind die Dialoge auf Deutsch und Englisch komplett vertont und werden zudem als Sprechblasen angezeigt.
Die Spielenden können die Handlungen der steuerbaren Charaktere ordnen, indem sie auswählen, welche Bedürfnisse priorisiert werden sollen. Dazu zählen Grundbedürfnisse wie Essen und Schlaf sowie individuelle Kombinationen sozialer Bedürfnisse wie Erfolgserlebnisse oder Zugehörigkeit. Zudem haben die Menschen besondere Wünsche, die sich sowohl zwischen den Charakteren, aber auch innerhalb einer Person widersprechen können. So fragt sich Zek, Angelas Freund, ob er im Dorf bei seinem Vater bleiben soll, oder er in die Stadt ziehen will. Galya, eine Freundin der Familie fühlt sich für alles rund um die Organisation der täglichen Arbeit verantwortlich. Aber was bedeutet ihre Freundschaft mit Pia für ihre eigenen familiären Beziehungen in Zeiten der Trauer? Und wie steht es eigentlich um die Ehe von Pia und Axel, Connys und Angelas Eltern?
Musikalisch fängt das Spiel eine ruhige und minimalistische Stimmung ein. Die subtile Differenzierung der Gefühle im Spiel spiegelt sich auch in der Melodieführung, welche dezent variiert und Raum zum Atmen lässt. Als Laul, ein reisender Gitarrist, ins Dorf kommt, bringt er nicht nur den Titeltrack des Spiels mit, sondern auch einiges an Unruhe, als er versucht, den Menschen ungefragt zu helfen. Grafisch wird durch flächige Pastelltöne und eine reduzierte Detailtiefe eine Klarheit und Übersichtlichkeit erzeugt, welche den Fokus auf die inneren Dimensionen der Charaktere richtet.
Welche Bedeutung hat nun der Tod in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir mit Trauer und Verlust um? Closer the Distance lädt ein, sich von diesem existenziellen Thema berühren zu lassen und ohne eine persönliche Betroffenheit die Nuancen von Trauer zu erforschen.
Closer the Distance eignet sich aufgrund des Themas der Trauer besonders für den Einsatz im Religions- und Ethikunterricht. Da das Spiel selbst mit sehr wenigen konkreten religiösen Bezügen auskommt, kann es konfessionsübergreifend angewendet werden.
Wie gehen Menschen mit dem Tod einer nahestehenden Person um? Die Antworten auf diese Frage sind so vielfältig wie die Menschen selbst und betrifft auf lange Sicht jede*n. Um Schüler*innen an dieser Stelle einen niederschwelligen Einstieg in diese Fragestellung zu bieten, lohnt es sich mit Closer the Distance eine beobachtende Perspektive auf Trauerprozesse einzunehmen. Im Unterricht kann man sich so dem Thema Trauer und Tod nähern, ohne auf die persönlichen Erfahrungen der Schüler*innen zurückzugreifen. Das Sammeln und Darstellen der Vielfalt von Trauerprozessen kann aufzeigen, dass Trauer ein sehr individueller und dynamischer Prozess ist. So kann den Schüler*innen vermittelt werden, dass die Entwicklung einer eigenen Art der Trauerbewältigung wichtig ist, während die Beispiele aus dem Spiel gleichzeitig eine Orientierung bieten. Grundsätzlich kann man in einer Unterrichtseinheit zum Thema Trauer auch geschützte Räume für einen persönlichen Austausch zwischen den Schüler*innen öffnen. Dies geht jedoch über die Möglichkeiten des Spiels hinaus und es obliegt der Verantwortung der Lehrkraft, hier die passenden Methoden zu finden.
Um einen gemeinsamen Erstkontakt mit dem Spiel und dem Motiv der Trauer zu gestalten, kann eine Spielung der ersten 15 Minuten im Plenum methodisch sinnvoll sein. Bis zu diesem Punkt sind nur wenige Entscheidungen notwendig und die Geschichte spannt sich von anfangs erwähnter Szene beim Abendessen bis zu der Stelle auf, an der das restliche Dorf von Angelas Unfall erfährt. Anschließend können entlang der Interessen der Schüler*innen gemeinsam Fragestellungen zu Spiel und Thema entwickelt werden. Das Spiel bietet dazu viele Gesprächsanlässe zu subtilen emotionalen und sozialen Dynamiken und ist daher besonders dafür geeignet, um Spielphasen mit Austauschrunden zu alternieren. Fragestellungen können dabei sein: Welche verschiedenen Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien können beobachtet werden? Welche Veränderungen im Alltag werden für die Charaktere als bedeutsam erlebt? Wie wird diese Veränderung als Krise, aber auch als Chance wahrgenommen? Auf theoretischer Ebene können Kleingruppen gebildet werden, welche das Spiel auf die Trauerphasen nach Kübler-Ross hin abklopfen. Diese kommen sogar explizit im Spiel vor, als Bodhi, ein Freund von Angela, anfängt, sich zu informieren, um das Dorf zu unterstützen. Closer the Distance schafft es, Trauer als einen normalen Bestandteil des Lebens darzustellen und durch ein ruhiges und übersichtliches Spielerlebnis, Räume für eine persönliche Annäherung zu öffnen.
Im Literaturunterricht liegen die Potentiale von Closer the Distance hauptsächlich im Bereich des Figurenverstehens und im Besonderen auf den inneren Vorgängen der Charaktere. Die Schüler*innen lernen in der Auseinandersetzung mit ihnen verschiedene Perspektiven einzunehmen und sie auf einer emotionalen Ebene differenziert zu betrachten, indem sie die Handlungsstränge und Eigenschaften einzelner Charaktere untersuchen und deren Beziehungen untereinander vergleichen: Wer war Angela wirklich? Die verschiedenen Erinnerungen der Charaktere an ihre verstorbene Freundin müssen dazu von den Spielenden erst zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden.
Ergänzend können kreative Aufgabenstellungen gestellt werden, bei denen sich die Schüler*innen in die Charaktere hineinversetzen und beispielsweise Briefe oder Tagebucheinträge schreiben. Mit dem Nachspielen von Dialogen oder der Gestaltung einer Theaterszene kann zudem eine körperorientierte Perspektivübernahme Einzug in den Unterricht erhalten. Hiernach kann untersucht werden, welche Figureninformationen explizit aus dem Spiel entnommen worden sind und welche Anteile die imaginative Eigenleistung der Schüler*innen widerspiegelt, da der Einblick in das Leben von Yesterby nur ausschnitthaft erfolgt und somit eine begründete Interpretationsleistung der Schüler*innen notwendig ist, um charakterliche Leerstellen zu füllen.
Ausgehend von der sichtbaren Momentaufnahme des Dorfes Yesterby kann auch ein Handlungsverstehen gefördert werden, wenn untersucht wird welche Umstände zu Angelas Tod geführt haben und eine Rekonstruktion der Ereignisse und ihre Implikationen für den weiteren Verlauf der Geschichte zum Forschungsgegenstand gemacht werden.
Im Psychologieunterricht kann das Spiel genutzt werden, um eine Verknüpfung von beobachtbarem Verhalten und emotionalen Vorgängen herzustellen. Trauer kann hier unter behavioristischen Gesichtspunkten untersucht und auf individueller als auch kollektiver Ebene daraufhin analysiert werden, welche sichtbaren Reaktionen auf einen plötzlichen Todesfall zu beobachten sind. Für den Unterricht bietet es sich an freie oder auch kategoriengeleitete Beobachtungsprotokolle anzufertigen und aufgrund dieser Datengrundlage Möglichkeiten der strukturellen Unterstützung von Trauerprozessen auf gesellschaftlicher Ebene zu diskutieren. Trauer kann so als ein Phänomen begriffen werden, welches zunächst ohne eine religiöse oder persönliche Komponente einer sinnvollen Integration in unsere Gesellschaft bedarf.

