Umfeld
- Publisher: Hochschule RheinMain, Projekt „AusWege“
- Veröffentlichungsjahr: 2025
- Plattform: Browserspiel
- Link: https://auswege.itch.io/umfeld-pilot-deutsch
- Altersfreigabe: keine (ZfdC-Empfehlung: ab 15 Jahren)
- Geeignet für: Ab Klasse 10
- Fachbezug: Ethik, Gemeinschaftskunde
Was passiert, wenn Gewalt in einer Beziehung nicht rechtzeitig erkannt oder angesprochen wird?
Das kostenlose Serious Game Umfeld nähert sich dieser Frage aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Die Spielenden tauchen in die Erinnerungen einer Dorfgemeinschaft ein, nachdem Mutter und Ehefrau Sabrina von ihrem Partner Timo schwer verletzt wurde und nun im Krankenhaus im Koma liegt. Rückblickend stellen sich die Menschen im Umfeld – daher der Name des Spiels – die Frage, ob sie die Entwicklung hätten erkennen und beeinflussen können.
In einzelnen Episoden schlüpfen die Spielenden in die Rolle verschiedener Personen aus dem sozialen Netzwerk der Betroffenen und des Täters – etwa Freund*innen, Familienmitglieder oder Kolleg*innen. In ihren Erinnerungen erleben sie Situationen, in denen der Partner auf unterschiedliche Weisen gegenüber der Betroffenen gewalttätig wird: abwertende Kommentare, zunehmende Isolierung, Kontrolle, Eifersucht oder Handyüberwachung. Als Außenstehende, die sich erinnern, stehen sie vor kritischen Entscheidungen: Sie können sich gegen die Gewalt aussprechen oder der Frau beistehen – und so aktiv alternative Handlungsweisen erproben, die die Gewalt hätten verhindern können.
Dabei wird deutlich, dass Unterstützung nicht immer unmittelbar angenommen wird und dass Hilfe Zeit, Geduld und oft auch ein gemeinsames Handeln mehrerer Personen erfordert. Schritt für Schritt kann so ein unterstützendes Netzwerk entstehen, das den Verlauf der Geschichte verändert.
Umfeld eröffnet einen reflektierten Zugang zu diesem sensiblen Thema und lädt dazu ein, über Verantwortung, Handlungsmöglichkeiten und die Bedeutung sozialer Netzwerke im Umgang mit partnerschaftlicher Gewalt nachzudenken.
Hinweis vorab: Der Einsatz des Spiels Umfeld erfordert aufgrund der Thematisierung von partnerschaftlicher Gewalt eine sorgfältige didaktische Begleitung. Es sollte berücksichtigt werden, dass Lernende selbst betroffen sein könnten. Ein geschützter Gesprächsraum und klare Kommunikationsregeln sind daher zentral.
Das Serious Game Umfeld ermöglicht durch seinen multiperspektivischen Zugang eine differenzierte Auseinandersetzung mit Partnerschaftsgewalt, sozialen Beziehungen und Zivilcourage und eignet sich insbesondere für den Einsatz im Ethikunterricht sowie ergänzend im Politik- bzw. Gemeinschaftskundeunterricht ab Klasse 10.
Im Ethikunterricht kann das Spiel genutzt werden, um Fragen von Verantwortung, Zivilcourage und zwischenmenschlichen Beziehungen zu thematisieren. Durch die Übernahme verschiedener Figurenperspektiven im sozialen Umfeld der Betroffenen Sabrina werden die Lernenden dazu angeregt, sich mit moralischen Aushandlungsfragen zu beschäftigen: Wann sollte man eingreifen, wenn Partnerschaftsgewalt beobachtet wird? Wo liegen Grenzen der Privatsphäre und der eigenen Verantwortung für eine Freundin? Und warum kann es oft schwerfallen, selbst aktiv zu werden und sich gegen Gewalt auszusprechen? Die Spielenden übernehmen so zunächst die Perspektive von Patrick, einem Arbeitskollegen von Timo, der sich in einer Bar vor männlichen Freunden abfällig über Sabrina äußert. Als Patrick werden die Spielenden nun vor die Wahl gestellt: Timo direkt ansprechen, einen weiteren Freund bitten, mit ihm zu gehen oder bei einem Bier nicht mitanzustoßen. Mit den Schüler*innen können nun unterschiedliche Entscheidungen erprobt und diskutiert werden: Welche Reaktion hat die größte Aussicht auf Erfolg? Welche halten sie für richtig und warum?
Daran anschließend zeigt das Spiel konkrete Handlungsmöglichkeiten für das soziale Umfeld auf – aber verdeutlicht auch die Komplexität, die mit einem Unterstützungsprozess verbunden sein kann. Die Spielenden erleben, dass Unterstützung nicht automatisch wirksam sein muss und Hilfe auch abgelehnt werden kann, beispielsweise wenn Sabrina sich nach einem erfolglosen Hilfsangebot durch ihre Chefin Hanne aus Scham zurückzieht oder Timo eine direkte Konfrontation mit seinen Taten verächtlich macht. Im Spiel werden alternative Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt: Sabrina einen Flyer hinzulegen, sie anzusprechen oder ein offenes Ohr anzubieten. So werden den Schüler*innen auf der einen Seite konkrete Handlungsmöglichkeiten verdeutlicht. Darüber hinaus lässt sich mit Schüler*innen diskutieren: Welche konkreten Strategien bieten sich an, um Betroffenen zu helfen? Ab wann sollte ich einschreiten? Welche Verantwortung tragen wir als Umfeld für die Taten anderer, die wir beobachten?
Ein zentrales Potenzial liegt dabei in der Sensibilisierung für unterschiedliche Erscheinungsformen von Gewalt in Paarbeziehungen. Neben körperlicher Gewalt werden auch psychische, soziale und digitale Formen sichtbar, etwa wenn sich Timo abwertend über seine Frau Sabrina äußert, er sie versucht zu manipulieren, zu isolieren oder Kontrolle über sie ausübt. Diese konkreten Situationen erleben wir aus der Rückschau des sozialen Umfelds, wobei verschiedenen Gewaltformen jeweils eigene, kurze Episoden im Spiel gewidmet werden: 1. psychische und verbale Misshandlung, 2. Isolation von der Familie und Gaslighting 3. Isolation vom Freundeskreis, 4. körperliche Übergriffe und Eifersucht, 5. digitale Überwachung, z.B. des Handys. Im Unterricht können die konkreten Beispiele genutzt werden, um zu diskutieren, warum diese Strategien häufig nicht erkannt oder verharmlost werden. So verbietet Timo Sabrina zum Beispiel, Freizeitaktivitäten mit ihrer Freundin Nadine zu unternehmen. Mit den Schüler*innen kann hieran die Strategie Timos analysiert werden, Sabrina zu kontrollieren und sie von ihrem sozialen Umfeld zu isolieren. Dies entspricht typischen Strategien gewalttätiger Partner*innen – auch, um bei Nichteinhaltung vermeintliche Gründe für Wutausbrüche zu schaffen und Schuldgefühle bei den Betroffenen auszulösen. Mit Schüler*innen können solche Strategien kritisch reflektiert werden, um Kompetenzen darin zu fördern, diese auch im Alltag zu erkennen und zu demaskieren. Hierfür können auch die “Wusstest du?”-Informationen hinzugezogen werden, die am Ende einer jeden Episode in Form eines Infokastens im Spiel erscheinen. Hierin werden die verschiedenen Formen der Gewalt eingeordnet und Strategien für Betroffene aufgezeigt, die mit Schüler*innen gesammelt und ausgewertet werden können.
Gleichzeitig verdeutlicht das Spiel die Bedeutung sozialer Netzwerke: Veränderungen entstehen häufig erst durch das Zusammenspiel mehrerer Personen. Die Spielenden können dafür in jeder Episode die angelegten Figurenkonstellationen zunächst als Grafik nachvollziehen: Erleben sie die Gewaltsituation aus der Perspektive von Sabrinas Bruder, Arbeitskolleg*in oder Freund*in? Nachdem sie die Situationen im Spiel erlebt haben, lässt sich mit den Schüler*innen diskutieren, was passiert wäre, wenn jede*r aus Sabrinas Netzwerk sensibilisiert gewesen wäre und geholfen hätte. So lässt sich im Unterricht Verantwortung nicht nur individuell, sondern auch gemeinschaftlich denken: Welchen Einfluss können das Umfeld, deren Handlungen und Reaktionen haben, um Betroffenen von Gewalt zu helfen oder sie zu verhindern? Wer trägt die Verantwortung bei partnerschaftlicher Gewalt? Die direkt Betroffenen, das Individuum oder ist es eine gesellschaftliche Herausforderung?
Auch im Politik- bzw. Gemeinschaftskundeunterricht bietet das Spiel Anknüpfungspunkte, um Partnerschaftsgewalt als gesellschaftliches Problem zu thematisieren. So wird deutlich, dass sich partnerschaftliche Gewalt nicht nur als privates Problem begreifen lässt, sondern in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet ist: Timo übt im Spiel auf dem Feuerwehrfest und im Freundeskreis Gewalt gegenüber Sabrina aus, indem er sie beleidigt und grob am Arm packt. In beiden sozialen Räumen erlebt Timo keinen Widerstand. Hier können die Rolle von Gemeinschaften und Strukturen, die Gewalt begünstigen oder verhindern, mit den Schüler*innen besprochen werden. Dazu gehören neben Strukturen in Freundeskreisen, im Beruf oder anderen sozialen Zusammenhängen auch solche auf familiärer Ebene – wie Scham nach Gewalterfahrungen, finanzielle Abhängigkeiten und soziale Erwartungen. Medienwirksame und öffentlich diskutierte Fälle, die auch in der Lebenswelt von Schüler*innen präsent sind, können genutzt werden, um das Thema einzuordnen und kritisch zu reflektieren. Auch die Tatsache, dass statistisch mehrheitlich Frauen betroffen sind, sollte in diesem Zusammenhang Anlass für Diskussionen sein: Worin liegen die Gründe, dass mehrheitlich Männer zu Tätern werden? Was kann konkret Jungen mitgegeben werden, um Gewalttätigkeit gegenüber (künftigen) Partner*innen zu verhindern? Auch spezifische Formen von Gewalt, die Männer in Partnerschaften treffen können, lassen sich thematisieren.
Die Auseinandersetzung sollte zudem gezielt mit realen Unterstützungsstrukturen verknüpft werden. Lernende können mit Hilfe digitaler Tools (z.B. TaskCards) regionale Beratungsstellen, Notfalltelefone und Initiativen, wie etwa „Frauen helfen Frauen“, Angebote von Pro Familia oder kommunale Koordinierungsstellen gegen häusliche Gewalt (z.B. regionale Netzwerke oder Fachstellen wie FRIG) sammeln. Die Recherchen können auch in Form von Plakaten aufbereitet und im Schulhaus ausgehängt werden. Ebenso bietet es sich an, externe Referent*innen für Workshops oder Informationsveranstaltungen einzuladen, um den Unterricht sinnvoll zu ergänzen und zu professionalisieren. Dabei sollten zudem schulinterne Anlaufstellen wie Schulsozialarbeit oder Vertrauenslehrkräfte vorgestellt werden, um konkrete Unterstützungswege aufzuzeigen und niedrigschwellige Hilfe zugänglich zu machen.

